SUSPECT-PRESSRELEASE JUDITH BUTLER BERLIN PRIDE 2010

Presseerklärung von SUSPECT:

JUDITH BUTLER LEHNT ZIVIL-COURAGE PREIS DES BERLINER CSD AB: „VON

DIESER RASSISTISCHEN KOMPLIZENSCHAFT MUSS ICH MICH DISTANZIEREN“

http://nohomonationalism.blogspot.com/

Presseerklärung von SUSPECT zum 19. Juni

Als Berliner Queer und Trans-of-Colour-AktivistInnen und Verbuendete begrüßen wir die Entscheidung Judith Butlers, den Zivilcouragepreis des Berliner CSD e.V. abzulehnen. Wir freuen uns, dass eine renommierte Theoretikerin die öffentliche Aufmerksamkeit, die ihr zu Gute kommt, nutzt, um Queer-of-Colour-Kritiken gegen Rassismus, Krieg, Grenzen, Polizeigewalt und Apartheid zu würdigen. Wir schätzen vor allem ihren Mut, die Nähe der Veranstalter zu homonationalen Organisationen offen zu kritisieren und zu skandalisieren. Ihre couragierte Rede ist nicht zuletzt auch das Resultat ihrer Offenheit für neue Anstöße, und ihrer Bereitwilligkeit, sich mit unserer jahrelangen aktivistischen und akademischen Arbeit auseinanderzusetzen, die allzu oft isoliert, prekarisiert, angeeignet und instrumentalisiert wird.

Dies ist auch jetzt schon wieder zu bemerken, denn die People of Colour Organisationen, die ihrer Meinung nach den Preis eher verdient hätten als sie, werden in sämtlichen bisherigen Presseberichten mit keinem Wort erwähnt. Butler bot den Preis laut und deutlich GLADT (www.gladt.de), LesMigraS (www.lesmigras.de), SUSPECT und ReachOut (www.reachoutberlin.de) an, doch die einzige politische Veranstaltung, an die sich Leute erinnern, ist eine weiß dominierte – der transgeniale CSD. Statt Rassismus konzentriert sich die Presse auf eine plumpe Kommerzialismuskritik. Dabei drückte sich Butler ganz klar aus: „In diesem Sinne muss ich mich von der Komplizenschaft mit Rassismus, einschließlich anti-muslimischen Rassismus, distanzieren.“ Sie stellt fest, dass nicht nur Homosexeulle sondern auch „bi, trans, queere Leute benutzt werden können von jenen, die Kriege führen wollen.“

Vorgestellt wurde Butler von Renate Künast (Bündnis 90 / Die Grünen) – Laudatorin mit deutlichen Schwierigkeiten, sowohl den Namen der Preisträgerin auszusprechen, sowie die Kernaspekte ihrer Schriften zu erfassen, und zwar als beharrliche Kritikerin. Bei den Moderatoren Jan Salloch und Ole Lehmann bewirkte ebendiese Kritik jedoch Gesichtsentgleisung. Anstatt sich in irgendeiner Art mit der Rede auseinanderzusetzen, fiel ihnen nichts anderes ein, als den Vorwurf des Rassismus weit von sich zu weisen und die ca. 50 Queers of Colour und Verbündete, die zu Butlers Unterstützung gekommen waren, mit den Worten zu beschimpfen: „Ihr könnt so laut schreien, wie Ihr wollt, Ihr seid nicht die Mehrheit. Es reicht.“ Dem folgt die zur Kulisse des Brandenburger Tors passende Imperialismusphantasie: „Der CSD macht einfach weiter in seinem Programm.. egal was ist.. weltweit und auch hier in Berlin.. So wird es immer sein und so bleibt es auch.‘

Rassismus ist in der Tat in den vergangen Jahren der rote Faden internationaler CSD-Veranstaltungen, von Toronto bis Berlin, sowie auch der weiteren schwullesbischen Landschaft (s. z.B. „Monster Terrorist Fag,“ den Artikel der Queer of Colour Theoretiker/innen Jasbir Puar und Amit Rai, der bereits 2002 erschien). Das Berliner CSD Motto 2008: ‚Hass du was dagegen?’ Homophobie und Transphobie werden hier als Probleme von Jugendlichen of Colour umdefiniert, die anscheinend nicht richtig Deutsch können, deren Deutschsein immer hinterfragt bleibt, und die schlicht nicht dazugehören. 2008 ist auch das Jahr, in dem der Hasskriminalitätsdiskurs Einzug in die deutsche Sexualpolitik hält. Diesen Aktivismus war bis dato in Deutschland kaum bekannt. Dennoch wurde Hassgewalt genau deshalb so schnell eindeutscht, weil ja bereits klar war, wer der hasserfüllte kriminelle Homophob ist: Migranten, die eh schon als kriminell gelten und immer leichter ins Gefängnis kommen und auch abgeschoben werden können. Diese Moralpanik wird von dubiosen Medienpraxen begleitet und von sogenannten wissenschaftlichen Studien „belegt“: Wo jeder Fall von Gewalt, mit dem eine homosexuelle, bisexuelle oder Transperson irgend etwas zu tun hat – egal ob der vermeintliche Täter weiß oder of Colour ist, und egal, ob der Hintergrund Homophobie, Transphobie, oder eine Verkehrsstreitigkeit ist, als der neueste Beweis von dem in Umlauf gerät, was wir eh schon alle wissen: Dass Homos (gerade anscheinend weiße Männer) es am allerschwersten haben, und dass ,die homophoben Migranten‘ die Hauptursache hierfür sind. Diese mittlerweile unhinterfragte Wahrheit ist nicht zuletzt auch die Frucht der Arbeit homonationalistischer (Puars Konzept) Organisationen wie dem LSVD und Maneo, deren enge Zusammenarbeit mit dem CSD Butler zur Ablehnung des Preises bewog. Diese Arbeit besteht v.a. aus Medienkampagnen, die Migrant/innen immer wieder als ‚archaisch‘, ‚patriarchal‘, ,homophob‘ und gewalttätig darstellen, und People of Colour in Deutschland als unintegrierbar abstempelte. Dennoch erhält eine dieser Organisationen nunmehr öffentliche Gelder, um People of Colour vor Rassismus schützen. Der ,Regenbogenschutzkreis – Schöneberg gegen Rassismus und Homophobie’ wurde von offizieller Seite prompt mit einer Polizeiverstärkung begrüßt. Als Anti-rassistInnen wissen wir leider zu gut, was mehr Polizei (ob gleichgeschlechtlich oder nicht) in einem Viertel, wo auch viele People of Colour leben, bedeutet – gerade zu Zeiten des „Kriegs gegen den Terror“ und der „Sicherheit, Ordnung und Sauberkeit“.

Genau diese Tendenz weißer schwuler Politik, eine Politik der Solidarität, der Bündnisse und der radikalen Transformation durch eine der Kriminalisierung, Militarisierung und Grenzziehung zu verdrängen, skandalisiert Butler, wohl auch infolge der Kritik und der Schriften von Queers of Colour. Im Gegensatz zu vielen weißen Queers hat sie dafür ihren eigenen Nacken hingehalten. Für uns war dies in der Tat eine mutige Entscheidung.

Yeliz Çelik, Sanchita Basu, Lucy Chebout, Lisa Thaler, Jin Haritaworn, Jen Petzen und Cengiz Barskanmaz von SUSPECT

20. Juni 2010.

_______________________

Youtube-Video von Butlers Rede auf dem CSD:

Interview mit Butler:

http://soundcloud.com/hornytimes/skandal-eklat-beim-csd

Weitere Links und Reaktionen (aktualisiert):

Transkript von Butlers Rede auf L-Talk:

http://www.l-talk.de/gesellschaften/judith-butler-csd-nicht-antirassistisch-genug.html

Statement von Lesmigras:

http://www.lesmigras.de/tl_files/lesmigras/pressemitteilungen/Stellungnahme_LB_Butler.pdf

und von Gladt:

http://www.gladt.de/archiv/2010/2010-06-20%20Richtiges%20Signal.pdf

Kommentar von Jasbir Puar:

http://bullybloggers.wordpress.com/2010/06/23/celebrating-refusal-the-complexities-of-saying-no/

Kommentar von Angela Davis:

Bericht auf 3-Sat:

Artikel auf dem Missy Magazin Blog:

http://missy-magazine.de/2010/06/22/judith-butler-und-die-schwul-lesbische-dekonstruktion/

Update:

Mittlerweile gibt es auch eine an Arroganz und Ignoranz  kaum zu überbietende Stellungnahme des CSD ev:

http://www.facebook.com/note.php?note_id=400982792841&id=336189604596

„Überraschend hat Judith Butler am 19. Juni 2010 auf der Hauptbühne den Zivilcouragepreis des Berliner CSD e.V. abgelehnt. In keinem der Vorgespräche…“

Ganz „überraschend“ zeigt hier also der CSD E.v., dass er immer noch nüscht verstanden hat. Reagiert auf Rassismusvorwürfe mit Opferolympiaden (trans*/intersex vs rassifiziert – btw: als ob das niemals interdependent oder intersektional sein könnte); Instrumentalisierungen (von Trans*/Intersex-Positionen); „Zurückschießen“ („Respektlosigkeit“/“überraschend“); Eingeständnis der eigenen  Unfähigkeit zuzuhören (etliche der Vorwürfe sind seit den Neunziger Jahren bekannt; auch hatte Butler am Vorabend in der Volksbühne recht deutlich gesagt, dass noch nicht sooo klar sei, ob sie den Preis annehme oder nicht); Reduktion des Rassismusvorwurfs auf „Streit“ innerhalb versch. Organisationen; Proklamation des eigenen „Antirassismus“ etc; völliger Unkenntnis der Rassismusdebatten innerhalb lesbischer, schwuler oder queerer Szenen (die zumindest seit den Achtziger Jahren gut dokumentiert sind); Rassismusreproduktionen (Anführungstriche allein sind halt doch kein Allerheilmittel…); „Alles so schön bunt hier“-Argumentationen; mangelnder Distanz zu islamophoben Positionen innerhalb des homonormativen Berliner Presse & CSD-Mainstreams (Feddersen et al.); identitäts-diktatorischen Spalterei-Vorwürfen; Setzung der Rahmen, in denen Diskussion mit den kritisierenden Parteien stattfinden soll…; paternalistischen Gesten („vermittelnd wirken“ etc.) etc.

 Ganz groß. Und sooo unglaublich überraschend….

„Ich möchte in diesem Zusammengang den Begriff Okzidentalismus zuspitzen und ihn einen >Meta-Rassismus< der Eliten nennen. Kennzeichnend für einen solchen Rassismus ist, dass er geleugnet wird, da Bildungseliten sich als aufgeklärt und im deutschen Fall zudem als postfaschistisch geläutert verstehen.“Gabriele Dietze in Kritik des Okzidentalsimus, 2009, S. 32  (danke an Frauke für das Zitat!)
Nachtrag:
Hier eine Lektüreliste „Frühe Debatten um Rassismus und Antisemitismus in der Frauen- und Lesbenbewegung“:
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3 Gedanken zu “SUSPECT-PRESSRELEASE JUDITH BUTLER BERLIN PRIDE 2010

  1. Danke Euch fürs Posten!!

    Nachtrag:

    hier eine durchaus immer noch überaus unvollständige Lektüreliste aktueller Beiträge zu Homonationalismus und queerer Rassifizierung, die sich teilweise auch pointiert auf den deutschen Kontext (LSVD, Simon-Studie…) beziehen.

    Haritaworn, Jin (2009): „Kiss-Ins, Demos, Drag: Sexuelle Spektakel von Kiez und Nation“, in AG Queer Studies (Hrsg.), Jenseits der Geschlechtergrenzen, Hamburg, S. 45-65.

    Haritaworn, Jin (2009): ‘Sexualising the “War on Terror”’, with Adi Kuntsman and Jen Petzen, in Sayyid, S. and Abdoolkarim, V. (eds.), Thinking through Islamophobia, New York.

    Haritaworn, Jin (2008): “Loyal Repetitions of the Nation: Gay Assimilation and the ‘War on Terror”, DarkMatter, No. 3: Special Issue on Postcolonial Sexuality.

    Haritaworn, Jin (2008): ‘Queer Imperialism: The Role of Gender and Sexuality Discourses in the ‚War on Terror‘,’ with Esra Erdem and Tamsila Tauqir, in E. Miyake and A. Kuntsman (eds.), Out of Place: Silences in Queerness/Raciality, York:, p. 9-33.

    Haritaworn, Jin (2007): ,,Queer-Imperialismus: Eine Intervention in die Debatte über ‚muslimische Homophobie’”, mit Tamsila Tauqir und Esra Erdem, in K.N. Ha, al-Samarai, N.L. and Mysorekar, S. (eds.), Re/Visionen: Postkoloniale Perspektiven von People of Color auf Rassismus, Kulturpolitik und Widerstand in Deutschland, Münster, S. 187-206.

    Haritaworn, Jin (2007): „Internationalismus oder Imperialismus? Feministische und schwullesbische Stimmen im ‚Krieg gegen den Terror’“, mit Jennifer Petzen, Esra Erdem und Tamsila Tauqir, Frauensolidarität No. 100: 8-9.
    Haritaworn, Jin (2005): „Am Anfang war Audre Lorde. Weißsein und Machtvermeidung in der queeren Ursprungsgeschichte“, Femina Politica 14 (1): 23-36.

    Haritaworn; Jin (2005): „;Der Menschheit treu’: Rassenverrat und Multi-Themenpolitik im derzeitigen Multikulturalismus“, in M. Eggers et al. (Hrsg.), Mythen, Masken und Subjekte: Kritische Weißseinsforschung in Deutschland, Münster, S. 158-171.

    Haritaworn, Jin (2005): „Queerer als wir? Rassismus, Transphobie, Queer-Theory“, in E. Yekani Haschemi und B. Michaelis (Hrsg.), Quer durch die Geisteswissenschaften. Perspektiven der Queer Theory, Berlin, S. 216-238.

    Puar, Jasbir K. (2007): Terrorist Assemblages: Homonationalism in Queer Times. Durham.

    Puar, Jasbir K. (2005): “Queer Times, Queer Assemblages”, Social Text, Vol 23, No. 3-4, p. 121-140.

    Puar, Jabir K. (2004): “Remaking a Model Minority: Perverse Projectiles under the Spectre of Counter-Terrorism”, with Amit Rai, Social Text 80, 22(3), p.75-104.

    Puar, Jasbir K. (2002): “Monster, Terrorist, Fag: The War on Terrorism and the Production of Docile Patriots”, with Amit Rai, Social Text 72 20(3), p.117-148.

    http://www.genderwiki.de/index.php/Queere_Rassifizierung

    diverse Beiträge in: Dietze, G. et al. (Hrsg.) (2009): Kritik des Okzidentalismus. Transdisziplinäre Beiträge zu (neo-)Orientalismus und Geschlecht. Bielefeld.

    Und was ja leider auch am Samstag beim Transgenialen CSD mal wieder en passant unter den Tisch gefallen ist und sich sowohl in Nicht-Nennung als auch der Auswahl der am Programm Beteiligten (vorsichtig geschätzt 98% weiß…) spiegelte:
    „Die Erinnerung an das Ereignis [Stonewall], welches gemeinhin als Geburtstag queerer Befreiung gefeiert wird, übergeht die mittlerweile historisch etablierte Tatsache, dass nicht weiße, nicht-trans Schwule, sondern Schwarze und Transgender of Colour im Stonewall gegen die Polizei rebellierten.“
    Haritaworn; Jin (2005): „;Der Menschheit treu’: Rassenverrat und Multi-Themenpolitik im derzeitigen Multikulturalismus“, in M. Eggers et al. (Hrsg.), Mythen, Masken und Subjekte: Kritische Weißseinsforschung in Deutschland, Münster, S. 158-171, hier: 164.

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